EWIG LEBE DER MENSCH! – VIRTUELLER FRIEDHOF

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Milena Oda

EWIG LEBE DER MENSCH! Virtueller Friedhof

 


WWW hat auch die Welt der Verstorbenen, der uns nächsten, nahen oder bekannten Menschen, geändert. Eine schockierende Erkenntnis: eine unbekannte Art des Schocks, wenn man Fotos, Kommentare Geburtstagserinnerungen eines Toten immer liest sieht, denn viel mehr als nur Erinnerungen bleiben heute nach einem verstorbenen Menschen, wenn er “eine moderne Form des Lebens” geführt hat. Er ist plötzlich nicht mehr da, aber er ist doch immer noch da, für die übrige Welt – er lebt mit uns weiter – virtuell.

Wenn der Mensch alle Möglichkeiten der Kommunikation nutzt, immer „update“ und in Online-Kontakt mit der (seiner) ganzen Welt steht, dann macht er sich unsterblich. Er ist omnipräsent für alle.

Er vermacht seinen Erben nicht nur materielle Dinge, sondern hinterlässt auch eine virtuelle Erbschaft, seine persönliche Online-Welt für die übrige Welt: seine Webseite, sein “persönliches” Tagebuch als Blog, sein persönliches Foto-Album auf Flickr, seine Befindlichkeiten auf Twitter, seine Meinungen auf Facebook usw. Wir erfahren zusätzlich noch, wieviele Menschen des Verstorbenen gedenken oder sich nach seinem Tod für die Person interessieren. Dank seinem YouTube-Account oder Vimeo-Account (u.a.) ist „sein Leben“ noch lebendiger, für alle lebhaft in Erinnerung und immer zu sehen, immer online. Lediglich auf Skype erscheint er mit Bild und Namen bereits nur „offline“. Man stellt betroffen fest, dass man vom Verstorbenen die Handynummer oder Emailadresse oder seinen Chat-Namen hat, dass man seine Emails immer wieder wie klassische Briefe lesen kann. Mit dieser Erkenntnis kommen dann Fragen: Soll ich die Handynummer oder die E-Mail-Adresse für immer löschen? Die Antwort ist schmerzhaft. Und alle Webseiten, wo sich der Verstorbene verewigt hat, behält man sie in der „not update“ oder als screenshot Form? Ein persönliches Onlinedenkmal ist entstanden. Alles ist und bleibt lebendig, aber er/sie ist doch unlebendig, es wird nie wieder vom Ur-Nutzer erweitert.

Die NetIdentität des Verstorbenen kann doch auch weiterhin existieren, wenn man seine Passworte kennt. Man kann sich in ihn hineinversetzten, weiter in seinem Geist leben, schaffen und (ihn) weiter vernetzen… seine Existenz vortäuschen, sich selbst täuschen, und immer daran glauben, dass er – sie doch zurück kommt, weil sie virtuell doch existieren. Durch uns. Die Trauer verbleibt als lebendiges Gefühl, weil wir uns immer mit diesem Onlinedenkmal auseinandersetzen müssen. Wir müssen eine gewisse Apathie herstellen, emotionale Verdrängung leisten, um nicht permanent online traurig zu sein, wenn man den Verstorbenen offline sieht… oder auch nicht permanent offline traurig zu sein, wenn man ihn online sieht. Ein „Second Life“ entsteht, denn wir können uns mehrfach und auf völlig verschiedene Weise darstellen, als andere Menschen auftreten, eben als die, die uns nah waren, die wir nicht vermissen wollen. Den Schmerz wollen wir nicht zulassen. Das ist ein neues virtuelles Erbe. Es erleichtert uns. Am besten ewig ewig zu leben… das geht im 21. Jahrhundert, so lange der (online) Frieden herrscht, lebt auch der (online) Mensch. Nur wer offline ist, lebt nicht. Die toten Engel schweben in ihren virtuellen Galaxien und berühren uns, dann, wenn wir, die Lebendigen, online sind. Wir berühren uns gegenseitig. Der Verstorbene hat in der Web-Welt ein immer vorhandenes Online-Denkmal und solange die ganze Worldwibeweb nicht zusammenstürzt, sind wir alle vernetzt, ob tot oder lebendig.

Ewig lebe der Mensch!
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  © Milena Oda

2011 ist Milena Odas Roman: “Nennen Sie mich Diener” bei Schumachergebler Dresden erschienen.

Mehr zur Autorin: http://www.MilenaOda.com

America Blog: http://www.MilenaOda.blogspot.com

 

 

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