DER ESEL, DIE MASSE UND DIE MESSE

         MILENA ODA

 

     DER ESEL, DIE MASSE UND DIE MESSE

 

Nein, ich bin kein Esel, obwohl sie aus mir einen machen möchten. Aber ich bin nicht bereit, mich als ein Esel zu buckeln, jedenfalls noch nicht. Vielleicht wenn ich älter und vernünftiger bin! Oder berühmt! Oder es kann auch passieren: eines Tages erscheint vor ihnen, direkt vor ihrer Institution ein Esel (der Esel weiß schon bei welcher Institution er erscheinen soll, die wichtig ist, die dafür sorgt, dass ein heißer Bestseller-Kandidat als Bestseller berühmt wird), also dort erscheint ein geschundener, ganz verwahrloster Esel und sagt: „Das bin ich, ich M.O. Herr XY, Sie haben mich mein Leben lang zu keiner Buchmesse eingeladen! Was habe ich Ihnen Böses angetan, dass Sie mich lebenslang ignorieren?“ „Böses“ oder „Schlimmes“ sind vielleicht falsche oder zu starke Wörter, denn die Direktoren sind doch keine bösen Menschen, die dem Autor (vor allem dem Kandidaten für den Bestseller) Böses antun wollen, im Gegenteil, sie wollen nur Gutes (vormachen): den Schriftsteller ermutigen, weiter zu schreiben „Nicht aufgeben, schreiben, schreiben!“, und den heißen Bestseller-Autor dann berühmt machen.

Ich als Schriftsteller habe Ihre Einladung nicht verdient, warum? Sie kennen mich doch schon so viele Jahre! Warum ignorieren Sie mich jetzt, da ich Bücher geschrieben habe, und immer noch weiter schreibe?“ „Ach, wir ignorieren Sie nicht, wir haben Sie nur vergessen, weil Sie nie da waren, weil Sie nie zu uns kamen, um sich zu demütigen und zu fragen, ob Sie auch berühmt werden könnten. Das haben Sie nie getan, so wie es Ihre Kollegen tun, sie sind schlauer als Sie, Sie hocken in Ihrem Zimmer depressiv, traurig, frustriert und tun nichts für Ihr berufliches Weiterkommen und Ihren Weltruhm. Sie müssen sich ja mal richtig erniedrigen vor uns, so dass wir Ihre Erniedrigung anerkennen und erst dann machen wir Sie berühmt!“ Hm. „Ich war ein paar Mal bei Ihnen!“ „Ja! Doch, doch ich erinnere mich, am Anfang haben Sie es ein paar Mal mit mir versucht, aber damals waren Sie eben doch ein Anfänger, ein Sprössling unter den jungen Autoren, der ein paar Wettbewerbe zwar gewonnen hat, aber es gibt so viele wie Sie! Vielleicht noch bessere!!“ „Inwieweit besser?“ „Besser, ja, weil die Romane von den Bestseller-Autoren halt lesbar und vor allem nützlich sind, nicht wie die Ihrigen! Sie schreiben, ohne an die Leser zu denken. Ich persönlich halte Ihre Romane für nutzlos und sinnlos. Wie kann man Ihren Roman anbieten, wenn Sie über die heutigen Probleme der Gesellschaft nicht konkret sprechen, aber nur in irgendwelchen undeutigen, verwickelten Metaphern, damit überfordern Sie den schon überforderten Leser! Die heutigen Leser suchen Entspannung, konkrete Themen in der Literatur. Die Menschen lieben doch die Geschichten von der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, aber nicht komische Typen, irgendwelche Phantasiegebilde, die Sie so gern beschreiben… die Psychopathen und die Verrückten, die interessieren heute keinen!“„Nein? Aber ich schreibe über die Menschen, denen ich begegnet bin, das waren nur Psychopathen… ja, wie Sie, zum Beispiel! Sie sind für mich ein deutliches Beispiel eines Psychopathen. Ein an sich unkreativer Mensch, der über die anderen viel kreativeren noch aus der psychopathischen Perspektive entscheidet, das ist doch ein Albtraum für einen sensiblen Autor wie mich. Das ist doch ein wunderbarer Stoff für die Literatur. Oder ich drücke mich klarer aus: für mich! Ich weiß, meine Romane gehören nicht zur Literatur, zumindest nicht zu der, die Sie dem Begriff „Literatur“ unterordnen und auch den anderen so präsentieren…“

Wenn ich ihm meine Bücher zeige, wundert er sich, dass ich noch lebe, als Autor, ohne ihn, den wichtigen Herrn Literatur-Direktor, ohne die wichtigen Literaturkritiker, ohne die Literaturpreise, den Literaturbetrieb, den der Autor braucht, um zu überleben. Er staunt und schaut mich verwundert an. Ja, ich lebe noch! Aber ich will auch ohne Sie, Herr Direktor, leben! Ich lebe schon dreißig Jahre ohne Sie und die anderen und mir geht es seelisch gut, viel besser, sogar bestens, seitdem ich Sie ignoriere. Eigentlich bin ich Ihnen dankbar, dass Sie mich ignorieren, denn seitdem Sie es tun, tue ich es auch mit Ihnen und es geht mir blendend, weil mich niemand erniedrigt! Ich muss schließlich auch nicht da sein, meine Bücher sind hier, die sprechen, oder?“ Dass mich keiner kennt, dass ich ein unbedeutendes Stück Literatur bin, erfahre ich noch von ihm. Ich verbeuge mich tief, und bedanke mich bei ihm, dass er mir, dem bedeutungslosen Stück der Literatur seine kostbare Zeit gewidmet hat.

Auch ohne mich haben alle schöne Buchmessen erlebt! Eine Augenweide mit so vielen Schriftstellern! Wie ist das Gefühl, jeden Frühling, jeden Herbst nach Leipzig und nach Frankfurt zu fahren? Ist es der Reise und der Zeit und des Lebens wert?

Ich weiß, der Autor muss bei jeder Buchmesse sein.

Aber wenn ich nicht berühmt bin, will ich auch nicht hin! Doch, du musst, du musst dich darum bemühen! Irgendwo einen Platz als Lesende bekommen! Du musst im Programm stehen, sagt meine Vernunft. – Ich weiß, man kann auch außerhalb dem Buchmessegelände, sozusagen: „draußen“, lesen. Die Autoren wie ich lesen immer nur „draußen“, weil sie nicht genug bekannt, nicht genug langweilig, nicht genug ausländerisch, nicht genug politisch und so weiter sind. Ich weiß, ich bin ein Dummkopf, dass ich das alles nicht bin! Aber wenn es die Obrigkeiten von der Buchmesse gestatten, wenn sie mich dazu zulassen, mich ins Programm einnehmen, dann bin ich sehr sehr dankbar und in meinem Inneren auch glücklich, oder einfach zufrieden, weil ich eben: auf der Buchmesse lesen würde! Ich nehme daran teil und das zählt! Das ist schon was (zumindest für meine Eltern).

Jedoch ob auf dem Gelände oder außerhalb, ist nicht egal. Die unausgesprochene Regel ist, wenn man auf dem Gelände liest, wird man als Autor (und als Mensch) viel höher bewertet, als wenn man außerhalb liest. Na dann fühle ich mich etwas weniger wertvoll als die anderen bekannten Kollegen. Das Wort Kollege benutze ich, um mich gleichwertig zu stellen. Dieser Vergleich hilft nicht viel, denn nur die Herrschaften das Recht haben, mich einzustufen.

Ich sehe es ein, ich habe fast keinen Wert, als Autor (und auch als Mensch), weil ich es bis jetzt nicht nach Leipzig oder Frankfurt geschafft habe, ES nicht erreicht habe, von einer Institution, von jemandem anderen eingeladen zu werden. Immer musste ich mich selber einladen! Immer musste ich mich selber anmelden, meine (erbärmliche) Lesung auch selber organisieren und mich selber demütigen lassen, auch wenn sie mir sagten: „Aber wir zahlen kein Honorar, keine Reisekosten und keine Hotelübernachtung.“ Und ich, Dummkopf reagierte immer gleich anbiedernd: „Ja ja, die Reisekosten und die Unterkunft bezahle ich selber.“ Das Wichtigste ist doch für mich, dass ich ja überall (wo überall eigentlich?) sagen darf: Ich lese auch auf der Buchmesse! Ach, was war ich dann immer stolz auf mich, wenn ich diese kleine, für alle andere selbstverständliche Bemerkung fallen ließ. Denn jeder Autor – zumindest derjenige, der sich unter anderen Autoren oder im Literaturbetrieb aufhält – wird gefragt: Und fährst du zur Buchmesse? Liest du dort? Die Buchmesse gehört zum Leben jedes Autors, Verlages und Agenten. Es war mir am Anfang meiner Autorenkarriere so peinlich, das „Nein“ auszusprechen, nachdem ich von vielen immer Anfang März, manchmal schon im Februar oder im September gefragt wurde, ob ich hinfahre. Denn schon damals wusste ich, dass diese Messen der Massen so lebenswichtig für den Autor und für seine Karriere sind. Kurz: Elementar für dein Autorenprofil. Du bist dann ein Teil dieser buchmassenhaften Messegesellschaft.

Nein, nur scheinbar!!

Wie ist es unter den Autoren? In diesem Umfeld herrschen alte Regeln, alte Gesetze, denen du als neuer Kollege unterliegst, als nicht bekannter (oder nicht anerkannter) Autor. Unter den berühmten Autoren, die auf dem Gelände lesen, bist du eine absolute Null, wenn du außerhalb des Geländes liest! Sie grüßen dich nicht, sie müssen dich nicht kennen und sie ignorieren dich. Oder wenn du zumindest als Nummer 5 oder 6 anerkannt werden willst, dann machst du aus der Lesung, die außerhalb des Geländes stattfindet eine große Nummer! Aber Vorsicht! Die Messe-Kenner wissen welcher Veranstaltungsort – außerhalb der Messe – bedeutsam ist und welcher weniger. Also du kannst eine große Nummer nur praktizieren, wenn deine Lesung an einem Ort stattfindet, dessen Rang als annehmbar, anerkannt oder bekannt gilt. Bekannt ist schon gut!! Auch wenn bei deiner Lesung nur 5 Leute sind, es ist doch sehr wichtig, dass du diesen wichtigen Ort nennst, einen wichtigen Tag angibst (der Tag spielt ebenso eine wichtige Rolle, der letzte Tag ist einfach nur eine Lachnummer…) und eine wichtige Stunde, bloß nicht in der Nacht! Da schlafen schon alle. Alles muss stimmen! Einfach! Und wenn eines davon in den Augen der anderen nicht stimmt, bist du ein kaum beachteter Kollege, Autor. Geschweige denn ein Mensch!

 

Für den erfolgreichen Schriftsteller gilt: er muss auf der Buchmesse, auf dem Gelände, zwischen 13-15 Uhr (die beste Zeit mit der höchsten Besucherzahl) lesen und bei dem besten Verlag vertreten sein, der die größten Plakate mit dem Autor überall auf der Buchmesse aufhängt und der die effektivste Werbung für sein Buch in Bewegung setzt.

Ein Bestseller-Autor der Buchmesse! Und dafür lohnt es sich für Bestseller hinzufahren, der Masse der Messe etwas vorzuspielen, aus dem Roman vorzulesen, laut, laut, auch wenn keiner ihn versteht, weil dort so viele Leute herumlaufen, herum schwatzen usw… Allein dass der Buchmesse-Bestseller-Autor auftritt, der zu den Wichtigsten zählt, ist doch schön! Ein Geschenk für seinen Fleiß! Er muss sich nicht mehr ums Honorar, um die Übernachtung im Hotel, um die Reisekosten kümmern, dafür hat er die anderen! Und wenn man die anderen nicht hat, nur sich selbst, dann entscheidet man selber, ob man zur Buchmesse auf eigene Kosten fährt oder nicht.

 

Seitdem ich mich als Autorin um Lesungen außerhalb des Buchmesse-Geländes bemühe und irgendwo draußen lese, habe ich meinen Geburtstag auf der Buchmesse gefeiert, was ich sehr trist fand, oder in der Nacht im Auto von Leipzig nach Berlin oder in einem miserablen Hotel, wo ich dann allein auf die Gesundheit der Autorin angestoßen habe!

Ich habe mich dieses Jahr entschieden, dass ich nicht fahre, dass ich im Günter-Grass-Arbeitszimmer sitzen und schreiben werde und meinen Geburtstag am 15.3. mit den Mitmenschen aus Wewelsfleth, wo ich mich (während der Buchmesse-Zeit) aufhalte, feiern werde! Ach nein, ich bin nicht arrogant! Bitte, nur das nicht. Ich lehne keine Einladung zur Buchmesse ab, nein, – aber wie jedes Jahr hat mich auch dieses Jahr keiner eingeladen, und ich will mich nicht jedes Jahr selber einladen, ich finde es schon peinlich… Ich glaube, ich existiere auch ohne Buchmesse. Ich überlebe als Autorin dank des guten Willens des Universums und dank meiner noch guten Laune und der Überzeugung doch weiter zu schreiben. „Nicht aufgeben, weiter schreiben“, wie die Direktoren sagen! Gottseidank, habe ich noch gute Laune bei all der Ignoranz, und außerdem kann ich mir noch die Sprache auswählen, in der ich schreibe. Letzter Zeit habe ich gedacht, soll ich überhaupt noch auf Deutsch schreiben, wenn mich die Herrschaften des Literaturbetriebs so erfolgreich ignorieren!? Ich eigne mich auch ganz gut dazu, ignoriert zu werden, als Ausländerin, eine Tschechin, die nicht über Osteuropa schreibt, die man daher nicht einordnen kann. 

 

Wenn ich den Rest meines Lebens lang meinen Geburtstag nicht mehr auf der Leipziger Buchmesse feiern werde, dann bedeutet es für mich und für meine Mitmenschen und meine Leser: ich lebe auch ohne die Buchmesse, ich feiere nämlich auch so mein Leben!!

 

Und im Herbst feiere ich, dass ich mich wieder in den USA befinde, weil dort der Herbst besonders schön ist und ich auch – ich strahle mit den Herbstfarben ! Dort muss ich mir als Autor keine Sorgen machen, ob ich auf der Frankfurter Buchmesse anwesend bin, auch nicht ob ich draußen lesen muss… Ich bin nicht traurig, dass ich wieder nicht eingeladen wurde. – Oder vielleicht doch ein bisschen, denn jeder Autor liest gern für die anderen, auch wenn die anderen vorbei eilen, laut sind, keine Ruhe haben zuzuhören, aber vielleicht fangen sie einen Satz auf, ein paar Wörter, vielleicht ist dieser Satz der Schmetterling, der ihnen im Bauch fehlt, der sie beflügelt als gute Literatur…

 

Ja, ja, ich weiß, ich kann nicht zur Buchmesse eingeladen werden, ich bin kein Bestsellerautor: „I´m a writer, not a fucking bestseller“. Also ich muss jetzt keinen Esel mehr für die Buchmasse spielen. Ich bin ich selbst (noch).

 Das ist meine Lebenseinstellung.

15.3.2012. Der ganze Essay ist in der Tageszeitung: JUNGE WELT in der Wochenendebeilage von 17-18.3.2012 erschienen: http://www.jungewelt.de/2012/03-17/005.php?sstr=Milena%7COda

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