DIES MORTI DIES TRISTITIAE IN BOHEMIA.

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Milena Oda

DIES MORTI DIES TRISTITIAE IN BOHEMIA.

Meiner Mutter – Maminka, und dem Vater des Landes.

Die Nacht. Die in die Dunkelheit und Lichter verhüllte Kathedrale von St. Veit, die Menschen warten, Hunderte wollen sich verbeugen, vor ihm, Václav Havel.

Ich auch, so wie ich es vor meiner toten Mutti tat, vor sieben Monaten. Tief, so tief, bis man das Grab berührt, und in Mattigkeit der Trauer auch wegleben will. So tief ist der Schmerz, wie das Grab. Das schmerzvolle Hinnehmen des Endes hat kein Ende…

Der Schnee, die Nacht, die Kälte, die Lichter. Die Kälte des Todes, die Kälte der Natur, die lodernden Kerzen erwärmen für Augen-Blicke diese Nacht, am 22.12.2011 auf der Prager Burg, um 23 Uhr. Ein Lichtstrahl erwärmt alle, die am Eingang zum Vladislavský sál ihre Kerzen hinstellen. Eine leise Verbeugung, das Flüstern von Worten, die vielleicht oder ganz sicher in „Vielen Dank“ münden, wie der Fluss dankend ins weite Meer hinein fliesst, um in ein größeres Gewässer einzugehen. Das Meer der Kerzen umrahmt das Bild von V.H. Die Blumen, die Kränze umrahmen den Sarg, der auf einem hohem Podest inmitten des Vladislavský Saal aus dem 15. Jahrhundert steht. Mächtig ist die Kälte der Jahrhunderte, mächtig die Wärme des Friedens, jener friedlichen Person, die die Menschen verbinden wollte, die auch Tschechien den Frieden brachte, das Böse beherrschte und wegwischte. Die Worte von V.H.: Die Wahrheit siegt, Liebe und Wahrheit siegen… klingen wie die Glocken aller Kirchen durch das ganze Land um 12 Uhr, mittags. Jeder weiß, er meinte es wirklich so und lebte selbst genau nach diesem Motto, genau so, wie er es ausdrückte, auch wenn ihn die anderen, die Lügner und die Lieblosen, auslachten… Wie oft hörte man dieses bissige Lachen, die Arroganz der Materialisten, die sich kein bisschen einer höheren Macht verbunden fühlen. Wie er es war. Die Materialisten, die Pragmatiker können es nie begreifen, was es heißt, sich Liebe und Wahrheit für das Land, für die Welt wünschen, es ist in der Tat wie mit dem Kosmos verbunden zu sein.

– Ich wartete eine Stunde, bis ich den Saal, den Sarg, die Blumen und Kränze – seinen Geist, die letzte Öffnung seiner Anwesenheit, erreichte, – sprachlos ging ich rumherum, einmal, zweimal, dreimal… und dann blieb ich stehen, gegenüber dem Sarg, versunken in ein Meer von Gedanken. Wenig Erinnerungen – da ich ihn nur einmal persönlich traf –, doch seine Worte trage ich seit je in mir, wie die Worte eines Überlebenden. Und es stimmt, er überlebt alle dieses Landes, er steht so hoch wie Karl der IV., wie T.G. Masaryk mit seiner Glücksvision für die Welt. Er ist ein Zeichen des ausdauernden Lebenswillens. Ne me perdas illa die.

Wieder so versunken, verbeugt, verlegen vor dem Tod. Die Gefühle zur teuersten Mutter kommen hoch, das trostlose Ende. Mitten im Singen starb meine Mutti. Dies morti.

Und als ich wieder aufwache, dem Sarg gegenüber im Saal, merke ich, ich stehe dort allmählich allein, mit ihm, dem toten Menschen, mit Gedanken an meine Mutter, mit dem Meer von Blumen, noch zwei anderen Menschen, die von Paris herkamen, um sich vor ihm hier zu verbeugen. Die Wache, sie, warteten auf meinen stillen Abschied. Es war mächtig, dieser Augenblick die Nacht, der Tod und das Leben. Der dünne Hauch in tödlicher Traurigkeit.

– Tür zu, um Mitternacht, pünktlich. Sein geglückter Abgang, leise im Schlaf.

Wie meine Mutti. Sie hatten den gleichen Tod, im gleichen Jahr. Im Lebensalter unterschieden sich beide Engel um zehn Jahre voneinander. Als Václav Havel in der Brauerei Trutnov mit meinem Großvater gearbeitet hatte, stieß vielleicht mein Großvater auf meine Geburt mit ihm an, wer weiß… solche Zufälle gibt es doch. Kopfhoch und rhythmisch weitergehen im Takt mit den Vorbildern unseres Lebens: der Mutter, und des Vater und des Schriftstellers in mir. –

R.I.P.

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