Meine Erinnerung an Václav Havel.

ImageMilena Oda

Meine Erinnerung an Václav Havel.

 

Die Nachricht, dass Václav Havel tot ist, hat mich erschüttert.  

Heute am 18.12. 2011 am Vormittag ist er in seinem Landhaus in Hrádeček bei Trutnov gestorben. Der Tod aus der Reihe der Dissidenten. Dieses Jahr sind plötzlich diejenigen gestorben, die zu engen Freunden Václav Havels zählten: Jiří Gruša, Ivan Martin Jirous aka Magor… und jetzt auch er – Václav Havel. Außerdem erschüttert ist meine Seele geblieben, auch meine teuerste Mutti ist gestorben. Das ist ein Jahr des Todes. Und der Geburt.

Odpočívejte v pokoji. Myslím na Vás.

Im November 1989 wurde plötzlich die Revolution aufgerufen. Ich befand mich in der Kleinstadt – Litomyšl, wo ich auf der Mittleschule studierte. Ich war 14 Jahre alt. Wir mussten uns auf dem Marktplatz versammeln und einheitlich in der Runde gehen, an den Händen halten und Sätze und Namen rufen, die ich gar nicht kannte. Es waren Slogans: Václav Havel na hrad – Václav Havel auf die Burg. Und Masaryka na stovku – Masaryk auf den Hunderten. Ich kannte keinen von beiden. Es war mir aber peinlich zu fragen, wer von beiden was getan hat, dass wir jetzt ihre Namen rufen müssen. Sie galten als die Heiligen der modernen Zeit?

Meine Eltern haben mich einiges verheimlicht, denke ich! Oder der Staat? Oder die Schule? Ich dachte, etwas stimmt hier nicht… Und warum die Revolution? Und mit meinen Fragen hat es angefangen. Und gleich konnte ich einiges begreifen. Auch den Mann der Bewegung, der Tat sehen und seinen Mut bewundern: Václav Havel. Er ist ein Held geworden. Er ist die entscheidende Führungskraft, das wahre Symbol der neuen Ära für ganz Europa gewesen.  

Mein Großvater erzählte mir kurz, wie er mit ihm in der Brauerei Trutnov gearbeitet hatte. Sie hatten sich gemocht. Mein Opa mußte V. H. darauf aufmerksam machen, dass man arbeiten müße. V. H. sei eher ein Biertrinker, ein lustiger und witziger Kumpel als Arbeiter, – ja so, wie es Dichter seien. Mein Opa meinte, dass V. H. ein Faulpelz wäre, aber ich dachte, wenn in jemandem ein poetisches Herz pocht, dann ist man nicht dazu geeignet, Bierkisten zu tragen oder Bier zu produzieren. Nur trinken, denken und dichten. Das tue ich beinahe auch ::: Sie hatten Spass zusammen, da mein Opa auch ein wahrer Biertrinker war, so wie es Tschechen sind.

Von der Arbeit in der Brauerei in Trutnov handeln auch seine Theaterstücke: Audienz, Vernissage (beide aus dem Jahre 1975) und Protest (1978). Die Hauptfigur Vanek spricht und handelt nicht so viel, sie äußert nur ihre wahrhaftige Einstellung zum Leben. Sie beobachtet und verurteilt die Lügen und Verstellungen der Gesellschaft. Gerade diese Stücke mag ich sehr.

Seitdem wünschte ich mir ihn persönlich zu treffen, ihm zu begegnen. Er ist ein Vorbild, eine Inspiration.

Václav Havel habe ich in der Botschaft der Tschechischen Republik in Berlin persönlich kennen gelernt, er hat dort den Dokumentarfilm über ihn vorgestellt: Občan Havel. Etwa im Jahre 2009 oder schon 2008? Die Fotos von unserer Begegnung sind weg. Jemand hat meinen Laptop gestohlen. Doch er blieb in meiner Erinnerung, in meinem Herzen. Ich habe seinen außergewöhnlichen Geist gespürt und wahrgenommen und möchte ihm folgen. Das ist die Inspiration!

Heute zünde ich die Kerze neben Václav Havels Werken an. Čest jeho památce.

Václav Havel habe ich immer sehr geschätzt, bewundert für seinen Idealismus, die geistige Schönheit und seine Kraft. Ich verstehe vollkommen seinen Hang zur Harmonie, seine Gefühle für die Freiheit. So wie die ganze Welt. Ich bin besonders stolz darauf, dass die Tschechen einen Schriftsteller, Dramatiker als Präsidenten wählten, so wie es 1918 im Falle von T.G. Masaryk war. Er war auch eine außergewöhnliche Persönlichkeit, ein Philosoph, dessen Schriften wir bis heute lesen und Ideen vertreten. Karel Capek, der Dramatiker war sein enger Freund.

Vielleicht wird der 18. Dezember als Feiertag der Tschechen gesegnet. Es gibt schon einen Heiligen Václav/ Wenceslav. Jetzt haben wir ein neues Vorbild. Ein Ideal, dem wir folgen.

Am Tag seines Todes begreiffen hoffentlich viele, welche grosse Persönlichkeit die Welt, nicht nur die Tschechen verloren haben. Auf dem tschechischen Thron sollen immer Künstler (wie es meiner Meinung nach Karl der Vierte im 14. Jahrhundert war, dank ihm erblühte Prag und blüht bis heute), Philosophen wie T.G. Masaryk (1918) und Schriftsteller wie Václav Havel sitzen und die Welt von einer anderen Angel erschauen lassen, ansonsten mangelt es bald an Schönheit des Geistes. Wir Tschechen sollen wieder einen Künstler für den Thron wählen!

Gedenken wir ihn. Bedenken wir wie V.H. ein unglaublich friedlicher Mensch war, der eine tiefe Ehrlichkeit zur Freiheit besaß und die Liebe zur Wahrheit immer als die Prioritäten für unser Leben äußerte und selber auch vertrat. Viele Tschechen, die nicht Idealisten sind, mochten ihn nicht, machten ihm das Leben als Präsident schwer. Sehr schwer. Er musste also immer kämpfen, als Dissident und Präsident. Er war ein Idealist auf dem Thron, der an das Gute glaubte; solche finden in der Welt wenig Chance in der Politik. Die Präsidenten müssen pragmatisch sein, nein, die Präsidenten müssen ihr Land lieben und ihre Landsleute mit der Liebe zur Heimat und zu sich selbst unterstützen. Und das hat er getan. Und ehrlich sein. Geht es noch? Wir bleiben Träumer, Idealisten, wir glauben an die Welt des Guten. Die höchste Erkenntnis ist doch die Erfassung der höchsten Idee, der Idee des Guten. Die Idee des Guten ist die oberste Norm des Wahren und des Schönen, der Grund der Wahrheit, des Erkennens und der Erkennbarkeit, so Platon. Oder auch Václav Havel.

 :: Die Kerze leuchtet in die dunkle Winternacht in Berlin, am 18.12. 2011 um 19 Uhr

Václav Havel (5.10. 1936- 18.12. 2011)

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2 Comments Add yours

  1. E.S. says:

    Ein tiefgründiger Nachruf, den wir nur teilen können. Ein Schriftsteller, Dichter, Poet auf dem Präsidentenstuhl, das würde auch anderen Staaten und sicher uns allen gut tun. Pragmatismus ist unabdingbar, aber wenn Pragnatismus in nackten Materialismus, fernab allen Idealismus und gepragt von Gewinnstreben und Sozialfeindlichkeit, umschlägt, ist es schlimm um die Welt bestellt. Wir brauchen viele Václav Havels!

  2. Ein grosser Mensch, der von vielen der Eigenen klein gehalten wird.
    Weiter auf: http://www.forumworldcultures.com/blogspot

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